Erzgebirge als Weltkulturerbe geplant
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Nun nimmt Sachsen Anlauf für einen Weltkulturerbe-Titel der Unesco und sucht erstmals seit der Aberkennung dieses Prädikats für das Dresdner Elbtal im vergangenen Jahr die Unterstützung der Landesregierung. Vorgesehen ist die deutsch-tschechische Kultur- und Industrielandschaft des Erzgebirges mit ihren Zeitzeugnissen des Bergbaus.
Ob dies gelingt bleibt fraglich, doch ist die Montanregion Erzgebirge auf der Welt einmalig! Es wird geschätzt, dass 200 Millionen Euro pro Jahr mehr durch die Touristen zur Verfügung stehen. Denkt ihr ob das funktioniert?

Das Stand am Freitag (3.9.) in der Zeit online. Ich wollte nicht alles rein kopieren aber der Text ist so interessant, deshalb mal in kompletter Ausführung.
Erzgebirge: Ruhe oder Ruhm
Das Erzgebirge könnte Weltkulturerbe werden. Manche in der Region aber schreckt das Beispiel Dresdens ab
Der Abend, an dem die Erzgebirgler beratschlagen, ob sie sich mit den Vereinten Nationen einlassen sollen, riecht nach Schweinebraten und Bauernfrühstück. Das Berghotel Pöhlberg liegt 832 Meter über dem Meeresspiegel, ein steiler Pfad führt von Annaberg-Buchholz weiter in den Wald hinauf. Auto-Aufkleber künden vom »Haamitland Arzgebirg«. Die FDP hält Kreisparteitag in der Bergidylle.
Im Wirtshaus sitzen 50 Mitglieder, es gibt Freiberger vom Fass, zur Einstimmung läuft die Musik aus dem Film Fluch der Karibik. Dann schreitet der Kreisparteichef, Handwerksmeister für Holzspielzeug und Landtagsfraktionsvize Tino Günther vor die Meute wie ein mutiger Captain Jack Sparrow von Annaberg. Er nimmt sich ein Mikrofon und sagt: »Auf in die Schlacht!«
Die Schlacht beschäftigt die Menschen hier seit zwölf Jahren, in diesen Monaten findet sie ihren Höhepunkt. Eine Region ringt mit sich und auch mit der Welt. Das Erzgebirge streitet, ob es Weltkulturerbe werden soll: mit seinen Hügeln und Tälern, seiner über Jahrhunderte gewachsenen Bergbaulandschaft – und den prächtigen, von altem Reichtum kündenden Innenstädten.
Die Stadt- und Gemeinderäte der betroffenen Kommunen haben Planungsstudien bewilligt, die Bürgermeister sind begeistert. Der Landrat von Mittelsachsen, Volker Uhlig, ist Vorsitzender des Fördervereins. Allein: Die Landespolitik und manche Bürger streiken nun. Einige Parteien, voran die FDP, scheuen den Streit ums Erbe. Denn dies ist das Jahr eins nach der Aberkennung des Dresdner Welterbe-Titels.
Dabei ist die Chance für das Erzgebirge riesig, so lautet das Ergebnis mehrerer Studien der TU Freiberg. Es wäre der Aufstieg der Region in eine Liga mit den ägyptischen Pyramiden, dem Kölner Dom und der Akropolis. Im Zeitalter der Hitlisten ist das Unesco-Prädikat das beste Siegel. Zumal für Regionen, die bisher kaum Strahlkraft haben. Seit 1998 steht die »Montan- und Kulturlandschaft Erzgebirge« auf der deutschen Warteliste für die Aufnahme ins Welterbe. Jetzt wird es ernst. »Die Prozesse um die Waldschlösschenbrücke«, sagt Frank Wend, Sprecher des sächsischen Innenministeriums, »haben für eine hohe Sensibilität bei dem Thema gesorgt.« Das Erzgebirge muss sich nun überlegen, ob es berühmt werden oder weiter seine Ruhe haben will.
Nur hier ist die Entscheidung über die Bewerbung schwerer als diese selbst
Wird der Status, fragen die Kritiker, aus ihrer Region ein Museum machen; ist er eine »Käseglocke«, konservierend und fortschrittsblockierend? Das Erzgebirge, dicht besiedelt mit einer Million Menschen, Standort von Zehntausenden produzierenden Betrieben, ist einer der wichtigsten Industrieräume des Ostens – noch immer.
Helmuth Albrecht sagt, dass er keine Welterbe-Stätte kennt, bei der die Entscheidungsfindung vor Ort schwerer war als das eigentliche Bewerbungsverfahren. Die FDP hat ihn zur Meinungsbildung ins Berghotel geladen, als Pro-Redner gegen eine ganze Kontra-Bank: Sie nennen ihn den »Unesco-Professor«. Seit 13 Jahren leitet er den Lehrstuhl für Technikgeschichte und Industriearchäologie an der TU Freiberg, er ist Vorsitzender der »Projektgruppe Montanregion Erzgebirge«. Albrecht ist der wohl wichtigste Mann hinter der Welterbe-Initiative.
Und er sticht heraus aus all den Rednern im Saal, weil er klüger spricht und besonnener. Albrecht ist geboren im niedersächsischen Celle, hat lange in Braunschweig gelebt, doch nichts, sagt er, habe ihn jemals fasziniert wie das Erzgebirge. Emotional sei er einer von hier. Er will den Menschen das Selbstbewusstsein zurückgeben, er will das Gebirge auf dieser Liste haben, er sieht die Chancen und auch die Gefahren. Die Chancen findet er bei Weitem größer.
Im Gegensatz zu Dresden könne das Erzgebirge durch den Titel viel bekannter werden: »Sehen Sie sich Quedlinburg an. 1994 hatten die 50.000 Besucher. Heute sind es 150.000. Oder die Zeche Zollverein, von 27.000 auf 800.000!« Eine große Firma aus Freiberg, sagt er, die Probleme mit der Fachkräftegewinnung habe, höre gar nicht mehr auf, von den Möglichkeiten zu schwärmen, die das Weltkulturerbe mit sich bringen würde. »Es wird immer so getan, als stünde hier Kultur gegen Wirtschaft«, sagt Albrecht. »Dabei verbindet der WelterbeTitel beides. Das Erzgebirge ist eine über Jahrhunderte vom Montanwesen geprägte Region. Wir haben 20.000 eigenständige Denkmale, die mit dieser Geschichte in Verbindung stehen.«
Albrechts Konzept konzentriert sich auf solche Einzeldenkmale, 32 hat die Projektgruppe ausgewählt, vom »Segen Gottes Erbstolln« in Gersdorf über das historische Zentrum Marienbergs bis zur Saigerhütte Grünthal. »Zusammen keine 0,1 Prozent der Gesamtfläche«, sagt Albrecht, »klar überschaubare, abgegrenzte Einheiten.«
Einst wurde im Erzgebirge ein Vorläufer des Aktiensystems erfunden
Aber ist das Erzgebirge von jenem »außergewöhnlichen universellen Wert für die Menschheit«, den die Unesco von ihren Bewerbern fordert? Ja, sagt Albrecht, von den sechs Kriterien der Unesco erfülle es vier, eines allein würde für die Bewerbung reichen. »Wir haben die Chance«, sagt er, »Geschichte zu schreiben.«
Wer wissen will, wo das Erzgebirge welterbe-verdächtig ist, muss Matthias Förster treffen und einen Helm aufsetzen. Dann geht es, im Hof des Erzgebirgsmuseums, eine Treppe nach unten in die Tunnel von Annaberg-Buchholz. »Wir wolln net großkotzig sein«, sagt Förster, »aber wir ham schon ah a bissel was.« Unter dem Gebäude der Kreissparkasse hält er inne. »Alles kommt vom Bergbau her« ist ein alter Spruch in der Region, Försters Augen glänzen. Seit der Wende ist er der Mann für die Außendarstellung der Stadt: Werber, Trommler, Patriot. Das Weltkulturerbe, sagt Förster, wäre die Krönung einer Entwicklung.
Sie begann im Jahr 1168 mit dem ersten Silberfund bei Freiberg. 1491 entdeckte man reiche Silbervorkommen unter Annaberg: Das »Große Berggeschrey« lockte Bergarbeiter und Entdecker. »Das war das sächsische Pendant zum Goldrausch am Klondike River!«, sagt Förster. Die Grundlage für den Aufstieg. Auch für den Aufstieg Dresdens, denn wer habe den bezahlt? »Wir.«
Er kann dutzende Beispiele aufsagen für Entwicklungen, die heute noch den Menschen nützten. Nur mal eines: Bei der Erschließung der Bergwerke entstand das Kuxsystem mit Anteilsscheinen, für Förster der Vorläufer des Aktiensystems.
Annaberg ist eine Planstadt, sie fraß sich in den Berg und wurde immer schöner. Ein Traum aus Stein, schmale Gassen mit steilem Anstieg, prächtig sanierte Trutzburgen verstrichener Zeit. Ein kleiner Weg führt zur Kirche St. Annen, der schönsten aus der Spätgotik hier, am Stück durchgebaut; man war reich. Ganz oben wohnt noch immer die einzige Türmerfamilie Europas.
Es gibt aber Annaberger, die in alldem kein Welterbe sehen wollen. Einer ist Steffen Flath, er war Umwelt- und Kultusminister und führt nun die CDU-Landtagsfraktion. »Ich erkenne die Arbeit des Herrn Albrecht an«, sagt Flath, »er hat den Leuten vor Augen geführt, was wir hier haben.« Die Planung der Welterbe-Bewerbung habe viel Gutes bewirkt, nicht zuletzt eine gemeinsame Identität als Montanregion. »Aber«, sagt Flath, »wir sollten es jetzt bei den Vorbereitungen belassen.« Es gebe zig Landschafts- und Vogelschutzgebiete, Flächen- und Einzeldenkmale, das sei heute alles schützenswert. »Aber will man denn«, fragt Flath, »auch die letzten weißen Flecken noch mit dem Schutzstatus versehen? Die meisten Menschen leben nicht vom Tourismus, sondern vom Gewerbe.«
Gar ähnlich sieht es Karl Noltze (CDU), frisch pensionierter Chemnitzer Regierungspräsident. Der Unesco sei egal, was für die Entwicklung des Erzgebirges von der Politik vorgegeben werde. »Wenn wir Kulturerbe sind, bewegen Sie hier in der Region nichts mehr.« Das Welterbe, sagt ein anderer, sei für das Erzgebirge wie das, was Gunther von Hagens mit Toten tue, »das Plastinieren einer Leiche«.
Helmuth Albrecht versteht das nicht. Alle nominierten Objekte stünden heute schon unter Natur- oder Denkmalschutz, seien so oder so unantastbar. »Die Unesco will eine sich weiterentwickelnde Kulturlandschaft. Das sind wir.« Was im schlimmsten Fall passieren könne, sei eine Wiederaberkennung des Titels. Albrecht ist auch Mitglied im Beirat der Welterbe-Stätte Goslar/Rammelsberg, wo seit Jahren alles reibungslos funktioniere. Das Erzgebirge werde kein Museum. »Wir wollen nicht die Asche von gestern anbeten«, sagt Albrecht, »wir wollen ein Feuer entfachen.«
Im Berghotel, auf dem Kreisparteitag, wird schließlich ein Beschluss verabschiedet: »Die FDP spricht sich nicht gegen eine Welterbe- Nominierung des Erzgebirges aus, wenn…« Dann geht es ums Geld. Vielleicht hält man das Vorhaben, sich nicht gegen etwas auszusprechen, für kreative Politik. Vielleicht weiß man auch, dass es eine vergebene Chance ist, eine vergebene Chance für ein ganzes Land.
Quelle: Zeit online
Es geht weiter.... Jetzt haben sich 23 Bürgermeister sowie die Landräte von Mittelsachsen und dem Erzgebirgskreis für die Antragstellung ausgesprochen. Zwei Drittel aller in Frage kommenden Orte stehen somit hinter dem Plan. Aber bis jetzt ist noch lange kein Antrag auf den Status eines Welterbes gestellt worden. Dazu muss jetzt erst noch bis Ende 2010 ein Welterbe-Konvent gegründet werden. Die ganze Bewerbungsgeschichte soll 1,3 Millionen Euro kosten. Kritiker fordern aber auch zunehmend, dass möglichst die wirtschaftliche Entwicklung und besonders der künftige Erzabbau nicht gefährdet werden darf.
Die Unterstützer der Bewerbung des Erzgebirges als Unesco-Welterbe drücken bei der Regierung auf Tempo. Es werde erwartet, dass sich diese noch in diesem Jahr eindeutig zu dem Projekt bekenne, erklärte der Chef des Fördervereins Montanregion Erzgebirge, Landrat Volker Uhlig (CDU), am Donnerstag in Freiberg. Das nach Tschechien grenzüberschreitende Welterbe könne dann schon bis 2013 Wirklichkeit werden. Innenminister Markus Ulbig (CDU) hatte bisher eine Zustimmung davon abhängig gemacht, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Region deswegen keinen Schaden nimmt.
Quelle: Bild.de
Imposante Industriebauten wie das Kalkwerk Lengefeld oder das Bergbaumuseum Oelsnitz sollen als Welterbe gemeinsam vermarktet werden. Auch Naturwunder wie die Basaltsäulen vom Scheibenberg gehören zur Montanregion.
Es geht um insgesamt rund 1,3 Millionen Euro, die beteiligte Gemeinden, Städte und Landkreise zu unterschiedlichen Anteilen übernehmen. „Rund 480.000 Euro sind für die direkte Antragstellung bestimmt. Die restliche Summe für Werbung“, sagt Professor Helmuth Albrecht (53) vom federführenden Verein Montanregion Erzgebirge.
Eine wichtige Hürde hatte das Vorhaben im März genommen. Bei einer Anhörung im Landtag bescheinigten Experten, dass durch den Welterbetitel keine Beeinträchtigungen für die wirtschaftliche Entwicklung, neue Bergbauvorhaben und den Straßenbau zu erwarten sind. Davon hatte Innenminister Markus Ulbig seine Unterstützung für das Projekt abhängig gemacht.
„Wir nähern uns der Zielgerade“, frohlockt jetzt Professor Albrecht. „Der Antrag soll im Februar 2013 gestellt wer-den und günstigstenfalls 2014 könnte es eine Entscheidung geben.“
Derzeit sind die beiden umfangreichsten Einzelstudien für Freiberg und Annaberg in Arbeit. Professor Albrecht: „Darin werden alle Welterbebereiche und Pufferzonen festgelegt.“ Ausgewählte Objekte sind mit Zeittafeln, Schutzstatus, Nutzung und Plänen aufgeführt. Welterbe würde etwa 0,1 Prozent der Fläche des Erzgebirges.
Es gibt neuen Aufwind bei der Bewerbung, selbst das Ruhrgebiet nimmt nun das Erzgebirge als Vorbild.
Neue Mitglieder
- Mike the Bike am 07.02.
- Blasphemer am 06.02.
- matthias73z am 05.02.
- Sven und Denise am 04.02.
- Markus_93 am 04.02.
- eberhartt am 04.02.
- Biancamaus1205 am 02.02.
- Sören Weber am 01.02.
- saurerappel am 31.01.
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